Pauls Pilotentipp # 32: Was passiert eigentlich, wenn …? Ein Spielplatz fürs Verstehen

Du fliegst gemütlich dahin. Etwas angebremst, schön wenig Sinken. Dann kommt Gegenwind auf. Weiter so? Bremsen lösen? Beschleunigen?

Und wenn die Luft gleichzeitig sinkt? Oder steigt? Welche Geschwindigkeit bringt dich jetzt am weitesten — und welche hält dich am längsten oben?

Solche Fragen kennen wir aus der Ausbildung und aus unseren Flügen. Auf dem Papier landet man dabei recht schnell bei einer Kurve namens Polare. Die sieht zunächst ziemlich unspektakulär aus. Dabei steckt in ihr eine ganze Menge Fliegen.

Wir haben ihr deshalb ein paar Regler spendiert. 😉

Eine Kurve, die etwas erzählt

Der Polaren-Explorer zeigt den Zusammenhang zwischen Vorwärtsgeschwindigkeit und Sinkgeschwindigkeit. Du kannst die Kurve mit dem Mauszeiger oder dem Finger abfahren und dir die Werte am jeweiligen Flugpunkt ansehen.

Dabei lässt sich entdecken, warum geringstes Sinken und bestes Gleiten nicht dasselbe sind: Möglichst wenig Höhe pro Sekunde zu verlieren, ist eine andere Aufgabe, als mit einer bestimmten Höhe möglichst viel Strecke zurückzulegen.

Etwas mehr Sinken kann sich durchaus lohnen — wenn gleichzeitig genügend Vorwärtsgeschwindigkeit dazukommt.

Die Tangente an die Polare macht dieses Verhältnis sichtbar. Ihr Berührpunkt zeigt die Geschwindigkeit für das beste Gleiten unter den eingestellten Bedingungen.

Polaren-Explorer
Beobachte, wie sich eine Veränderung der Brems- oder Beschleuniger-Einstellung auf die Polare auswirkt – und umgekehrt

Jetzt bekommt die Luft Bewegung

Mit den Reglern kannst du Gegenwind und Rückenwind einstellen und die Luftmasse steigen oder sinken lassen.

Die Fluggeschwindigkeit gegenüber der Luft und die Geschwindigkeit über Grund erscheinen getrennt. Ebenso kannst du verfolgen, wie sich das Sinken gegenüber der Luft vom Höhenverlust gegenüber dem Boden unterscheidet.

Denn der Boden interessiert sich herzlich wenig dafür, dass dein Fluggerät gerade besonders schön durch die Luft gleitet. Wenn die Luft in die andere Richtung unterwegs ist, bleibt von der Vorwärtsfahrt über Grund möglicherweise weniger übrig als gewünscht.

Und sinkt die Luftmasse zusätzlich, ist auch die Höhe schneller verbraucht.

Mit einer einstellbaren Ausgangshöhe zeigt der Explorer deshalb außerdem die rechnerisch erreichbare Strecke und die Flugzeit bis zum Zielniveau. Die Rechnung nimmt gleichbleibende Bedingungen an — eine gute Möglichkeit, einzelne Einflüsse gezielt zu untersuchen.

Der Pilot macht mit

Bei unserer Gleitschirm-Beispielpolare bewegt sich auch eine Pilotenfigur passend zum gewählten Flugpunkt.

Beim Anbremsen wandert die Hand nach unten. Im Trimmflug sind die Steuerleinen frei. Im beschleunigten Bereich bleiben die Hände oben, während sich die Beine zum Treten des Beschleunigers strecken.

Diese Darstellung ist schematisch. Sie hilft, die Punkte auf der Kurve mit einer vertrauten Bewegung zu verbinden; die Prozentwerte sind keine gemessenen Steuerwege eines bestimmten Schirmmodells.

Weitere Polaren bieten Gelegenheit zum Vergleichen. Die Tabellenwerte lassen sich bearbeiten, sodass du auch eigene Beispiele untersuchen kannst. Die zusätzlich aus Diagrammen übernommenen Kurven sind als Näherungen gekennzeichnet.

Fürs Lernen — und fürs Lehren

Der Explorer richtet sich an Flugschüler und Piloten, die die Zusammenhänge zwischen Geschwindigkeit, Sinken und Gleiten besser verstehen möchten.

Für Fluglehrende ist er zugleich eine Schulungsunterlage zum eigenen Ausprobieren und gemeinsamen Erklären. Eine schöne Übung ist: erst vermuten, dann den Regler bewegen.

Was passiert bei mehr Gegenwind?
Wohin wandert die Geschwindigkeit für das beste Gleiten?
Was verändert steigende Luft?

Wenn die Kurve anschließend etwas anderes zeigt als erwartet, haben wir einen hervorragenden Anlass zum Nachdenken. Genau dafür ist sie da.

Wie daraus ein Explorer wurde

Die Idee und der erste Ansatz stammen von meinem Fluglehrerkollegen Claus Thiele. Die erste Umsetzung einer stark vereinfachten interaktiven Darstellung stammte von Marc Niedermeier von Papillon.

Die aktuelle Version habe ich mit Unterstützung von ChatGPT weiterentwickelt. Aus der Polare wurden nach und nach eine interaktive Kurve, veränderbare Luftmassenbedingungen, zusätzliche Anzeigen und schließlich die bewegliche Pilotenfigur.

Gerade die Figur brauchte einige Anläufe. Ein gezeichneter Pilot sollte schließlich an seinen Tragegurten hängen — und nicht bloß dekorativ irgendwo in der Luft sitzen. Die Schwerkraft ist bei solchen Details erfreulich humorlos. 😄

Hier kannst du den Polaren-Explorer ausprobieren:

Polaren-Explorer

Such dir einen Flugpunkt, dreh am Wind und lass die Luft ein bisschen steigen oder sinken. Du kannst hier Bedingungen ausprobieren, die du draußen vielleicht lieber vermeiden würdest — und dabei ganz in Ruhe verstehen, was sie mit deinem Gleiten machen.

Tipp: Der Explorer funktioniert auch auf einem Handy-Display; um alle Einstellmöglichkeiten und Werte auf einen Blick zu sehen, verwende besser einen Monitor für eine größere Darstellung.

Paul Seren
Paul Seren
Dipl. Ing. Luft- und Raumfahrtechnik, Fluglehrer, Tandemfluglehrer, Eingangsprüfer für Fluglehrer und Tandempiloten, Mitglied im DHV Ausbildungs-Lehrteam und in der DHV- und ÖAeC-Prüfungskommission
Schon in meiner Kindheit hatte mich der Traum vom Fliegen gepackt und über all die vergangenen Jahrzehnte nicht losgelassen. Es hat meine Kindheit, meine Berufswahl, meine Lebensentscheidungen geprägt und mich zu dem gemacht, was ich heute bin: Bis in die tiefsten Wurzeln begeistert von allem, was fliegt: Ich bin Modellflieger seit 1974, Hängegleiterpilot seit 1979, Gleitschirmpilot seit 2003, Motorschirmpilot seit 2009 und Gleitschirm-Tandempilot seit 2012. Als Dipl. Ing. der Luft- und Raumfahrtechnik war ich beruflich als Systemanalytiker und Softwareentwickler, sowie Wissensmanager und Ausbildungkoordinator in einem Industriekonzern tätig.

Ich stecke heute noch tief in der Vielfalt der Modellfliegerei mit all ihren unbegrenzten Möglichkeiten. Genauso bin ich fasziniert, wie wir Flugzeugbau-Ingenieure und Entwickler es geschafft haben, einem Stück sinnvoll genähtem Stoff mit ein paar Schnüren daran ein sichereres Fliegen beizubringen. Für mich besonders faszinierend: Ein Gleitschirm fliegt auch ohne Beeinflussung des darunter hängenden Piloten richtig gut – und zeigt damit, wie dieses besondere Fluggerät eines der wenigen Luftfahrtgeräte überhaupt ist, welches eigenstabil fliegen kann. Eine echte Meisterleistung des Prinzips „Mach es so einfach wie möglich“.

Es gibt mir auch die Gewissheit im gesetzteren und höheren Alter bei passenden Bedingungen sicher in die Luft und durch die Luft zu kommen. Dies möchte ich gerne noch lange als Fluglehrer vermitteln und dabei meine Begeisterung für das Fliegen weitergeben.
– Paul Seren

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