Wie sicher ist Gleitschirmfliegen wirklich? Eine differenzierte Einordnung für unsere Piloten

Oft werden wir gefragt, wie sicher unser Flugsport eigentlich ist. Meine Antwort ist eindeutig – sie braucht aber eine klare Differenzierung.

Grundsätzlich gilt: Gleitschirmfliegen ist ein sehr sicherer Natursport. Laut dem Referat Flugsicherheit des Deutschen Gleitschirmverbandes und Drachenflugverbandes e.V. (DHV) kommt es so gut wie nie zu Materialversagen; die Geräte sind technisch extrem ausgereift.

Ein Risiko entsteht fast immer dann, wenn die Selbsteinschätzung nicht dem tatsächlichen Könnensstand entspricht. Einige Beispiele:

  • Gerät & Ausrüstung: Ein zu anspruchsvolles Gerät, das nicht dem tatsächlichen Könnensstand entspricht
  • Können & Training: zu wenig Flugpraxis, Wiedereinstieg ohne Auffrischung, fehlende Notfallroutine
  • Verfassung: schlechte Tagesform, z. B. durch Krankheit, Schlafmangel, Stress, Ablenkung, Alkohol/Medikamente
  • Wetter & Fluggebiet: unerwarteter Wetterverlauf, lückenhaftes Meteowissen, verpasstes Zeitfenster (Föhn, Überentwicklung, Windzunahme), unbekanntes Gelände, Fliegen in Bodennähe
  • Kopf & Verhalten: Gruppendruck, Zieldruck („get-home-itis“), Ablenkung durch Technik, Kollisionsrisiko im Pulk, Routine-Sattheit

Um das Risiko objektiv zu bewerten, unterscheiden wir zunächst zwei Bereiche: Die Ausbildung und die anschließende Ausübung des Flugsports. Letztere teilt sich noch einmal in drei Gruppen mit sehr unterschiedlichem Risikoprofil auf.

1. Sicherheit in der Ausbildung

In der Ausbildung steht ein Ziel im Vordergrund: Menschen sicher in die Luft zu bringen und ihnen die Grundlage für ein unfallfreies Fliegerleben mitzugeben.

Unsere Standards bei Papillon beruhen auf einer Systematik, die ich gern mit dem PADI-System aus dem Tauchsport vergleiche: Klare, überprüfbare Regeln, an die sich alle halten und die Risiken so weit wie möglich minimieren. Auch hier einige Beispiele:

  • Lückenlose Betreuung: Jeder einzelne Ausbildungsflug wird persönlich durch ausgebildetes Fluglehrerpersonal begleitet.
  • Maximale passive Sicherheit: Wir schulen ausnahmslos auf geprüften Fluggeräten der Kategorie EN-A. Diese Schirme sind extrem gutmütig und klappresistent.
  • Höhere Standards: Der Papillon Schulungsstandard geht seit jeher weit über die luftrechtlichen Mindestanforderungen hinaus (hauptberufliche Fluglehrer, Betreuung an Start- und Landeplatz,…)
  • Gut geeignete Fluggebiete: An allen Standorten sehr gut zur praktischen Ausbildung geeignete Flug- und Übungsgebiete

2. Sicherheit mit Schein: Drei Pilotengruppen

Nach der Scheinerteilung verlagert sich die Verantwortung in dein persönliches Risikomanagement.

Hier unterscheiden wir drei Gruppen:

Der Hobby- und Genusspilot

Er betreibt den Sport mit hohem Sicherheitsanspruch. Dazu setzt er auf gutmütiges Material (EN-A- oder defensiv eingestuftes Low-EN-B-Gerät), fliegt oft im Rahmen von Trainings oder begleiteten Flugreisen und wählt seine Fluggebiete bewusst aus.

Der Sportpilot

Ein gut trainierter Vielflieger, der bewusst in höheren Geräteklassen (etwa EN-B oder auch C) unterwegs ist. Er geht auch alleine auf Strecke und nutzt Fluglehrer noch gelegentlich, zum Beispiel zum Sicherheitstraining über Wasser oder bei Gleitschirmreisen.

Hinweis zum Material: Ein „defensiver“ Low-EN-B-Schirm ist nur so sicher, wie er auch geflogen wird. Die passive Sicherheit hilft – ersetzt aber weder Wetterurteil noch ehrliche Selbsteinschätzung. Uneingeschränkt empfehlenswert sind Gleitschirme der Kategorie EN-A.

Der Extremsportler

Dazu zählen Wettbewerbspilotinnen und -piloten auf zugelassenen Hochleistungsschirmen (EN-D/CCC). Die „Formel-1-Piloten“ bringen umfangreiche Erfahrung und ein entsprechendes Risikomanagement mit.

Davon zu trennen ist das Speedflying mit sehr kleinen, schnellen und nicht zugelassenen Geräten. Das sieht dem Gleitschirmfliegen nur ähnlich, ist aber ein eigener, deutlich risikoreicherer Extremsport, für den es keine Ausbildung, Zulassung oder Versicherung gibt.

3. Was die Statistik zeigt

Ein Blick auf die Unfallzahlen des DHV mit rund 40.000 Mitgliedern macht deutlich: Wie sicher der Sport ist, hängt maßgeblich vom gewählten Pfad ab. Im hier betrachteten 20jährigen Mittel (2004-2024) ereignen sich rund neun tödliche Gleitschirmunfälle pro Jahr:

Statistik - Risiko beim Flugsport

Die Verteilung im langjährigen Mittel:  

  • Hobbypiloten / EN-A: Obwohl EN-A-Geräte fast die Hälfte des Marktes ausmachen, entfällt auf diese Gruppe statistisch nur etwa ein tödlicher Unfall pro Jahr.
  • Sport- und Extrembereich: Hier ereignet sich langfristig betrachtet der ganz überwiegende Teil aller tödlichen Unfälle.

Das heißt nicht, dass höhere Klassen „schlecht“ wären – aber sie verlangen Routine, Training und ein fundiertes Wetterwissen. Das Risiko steigt vor allem dann, wenn der eigene Anspruch nicht zum tatsächlichen Könnensstand passt.

Ergänzung zu diesen Daten: Eine aktuelle Papillon-Umfrage auf Instagram zeigt, dass der Anteil an EN-A-Piloten gegenüber diesem Zeitraum nochmal deutlich zugenommen hat.

4. Fazit: Du bestimmst dein Risiko selbst

Die langjährigen Zahlen zeigen deutlich: Der sportlich-ambitionierte Bereich ist trotz Training am stärksten gefährdet. Gleichzeitig ist wichtig festzuhalten, dass die Piloten in diesen Gruppen sich der Risiken in aller Regel bewusst sind und diese bewusst eingehen.

In der größten Gruppe der Hobby- und Genusspiloten ist das Risiko eines tödlichen Unfalls nicht höher als etwa beim Motorradfahren.

Als Flugschule ist es unser Anspruch, dir das Handwerkszeug für eine realistische Selbsteinschätzung mitzugeben – damit du genau einschätzen kannst, in welcher Gruppe du dich bewegst und wie du immer sicher unterwegs bist.

See you UP in the sky!

Andreas Schubert
Vize-Weltcupsieger 2023 & Ausbildungsleiter der Papillon-Flugschulen

Andreas Schubert
Andreas Schubert
GGF und Ausbildungsleiter Papillon, Pädagoge, 5. Platz WM, Vize-Weltcupsieger 2023, Dt. Meister
Ich lebe und liebe seit dem Beginn meines Lehramtstudiums Fliegen mit dem Gleitschirm. Über all die Jahre gab es eine tolle Entwicklung. Ich darf mit einem wunderbaren Team zusammen arbeiten. Persönlich gehe ich noch immer jede freie Minute zum Fliegen.
Andreas Schubert

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