Sichtflug.app – „Die Flugplanung sollte für jeden Piloten frei zugänglich sein“
Nachdem ich Sichtflug.app nun drei Wochen lang intensiv in Meduno getestet habe, wollte ich mehr darüber erfahren, wer eigentlich hinter dieser Plattform steckt.
Aus einem kurzen Austausch mit dem Entwickler Alexander Müller wurde schnell ein längerer Austausch über Wettermodelle, Flugplanung und die Zukunft digitaler Werkzeuge für Gleitschirmflieger. Hier das virtuelle Interview, welches ich aus diesem Austausch zusammengeschrieben habe:
Paul:
Alex, stell dich doch zunächst einmal selbst vor. Wer bist du eigentlich?
Alex:
Ich bin ein Alpenkind, mittlerweile in meinen Dreißigern, ehemaliger Skispringer und eigentlich schon immer ein Kind der Lüfte. Beruflich lebe ich heute in Berlin, aber meine eigentliche Herzensheimat liegt am Großglockner in Heiligenblut in Österreich.
Aufgewachsen bin ich im Leistungssport. Beruflich war ich viele Jahre in der Software- und Marktentwicklung für den Finanz- und Bankensektor tätig und habe in den letzten zehn Jahren mehrere Start-ups aufgebaut.
Paul:
Wie bist du eigentlich zum Gleitschirmfliegen gekommen?
Alex:
Über einen kleinen Umweg. Angefangen hat alles mit dem Kitesurfen. Vor sechs Jahren habe ich dann im südafrikanischen Wilderness bei Kapstadt meinen ersten Gleitschirmschein gemacht. Dort habe ich übrigens auch direkt einen Baum aus nächster Nähe inspiziert – unfreiwillig natürlich.
Vor vier Jahren habe ich anschließend auf der Gerlitzen in Österreich meinen hier gültigen Flugschein absolviert.
Paul:
Und wie kommt man vom Fliegen zur Entwicklung einer Wetterplattform?
Alex:
Ganz einfach: Ich habe das Fliegen vermisst. Mit meinem Lebensmittelpunkt in Berlin kann ich eben nicht einfach nach Feierabend auf den Tschiernock laufen und einen Hike & Fly machen, wie ich das von Kärnten kenne. Seitdem ich Sichtflug entwickle, beschäftige ich mich jeden Tag mit meiner Leidenschaft. Genau das liebe ich daran.
Paul:
Gab es einen konkreten Auslöser für Sichtflug.app?
Alex:
Ja. Als ich damals meine Ausbildung abgeschlossen hatte, bekam ich ziemlich schnell gesagt: „Wenn du wirklich fliegen willst, brauchst du jetzt erst einmal ein kostenpflichtiges Prognose-Tool.“ Das hat sich für mich einfach falsch angefühlt. Warum sollte ich für die Freiheit in der Luft zunächst ein kostenpflichtiges Abo abschließen müssen? Daraus entstand die Grundidee von Sichtflug: Die Planung eines Fluges sollte jedem Piloten frei zur Verfügung stehen.
Paul:
Viele Piloten nutzen bereits etablierte Dienste. Worin unterscheidet sich Sichtflug von anderen Angeboten?
Alex:
Da gibt es mehrere Punkte. Erstens werden unsere Wind-, Thermik- und Wettermodelle alle drei Stunden aktualisiert – also achtmal täglich. Dahinter stehen täglich Milliarden von Rechenoperationen.
Zweitens arbeitet Sichtflug mit einem sehr hoch aufgelösten Thermikmodell. Anders als viele klassische REGTHERM-basierte Ansätze verwenden wir Oberflächenparameter mit einer Auflösung von bis zu zehn Metern. Das Modell wurde gemeinsam mit Meteorologen der österreichischen Flugsicherung entwickelt.
Drittens werden unsere Modelle kontinuierlich mit echten Messdaten abgeglichen. Allein im letzten Monat sind über 30.000 reale Windmessungen in die Optimierung eingeflossen.
Und viertens kalibrieren wir unsere Thermikprognosen mit tatsächlich geflogenen Thermikflügen. Aktuell umfasst unser Datenbestand bereits rund 200.000 Thermiksegmente.
Transparenz ist uns dabei wichtig. Viele Anbieter arbeiten als Blackbox. Wir wollen unsere Daten und die Prognosequalität künftig noch stärker öffentlich darstellen.
Paul:
Wie groß ist eigentlich das Team hinter Sichtflug?
Alex:
Die Entwicklung selbst liegt bei mir.
Allerdings arbeite ich eng mit Meteorologen von Universitäten und Flugsicherungen zusammen, die bei der Weiterentwicklung der Wettermodelle unterstützen.
Außerdem helfen erfahrene Piloten dabei, die Bedienung und die Oberfläche kontinuierlich zu verbessern.
Paul:
Welche Funktionen stehen als Nächstes auf der Agenda?
Alex:
Aktuell arbeiten wir an „Thermik 2.0“. Die deutschlandweite Erweiterung ist bereits live. Jetzt geht es darum, die Detaildaten sinnvoll zu Regionen zusammenzufassen. Ein Pilot möchte schließlich schnell erkennen können, ob es beispielsweise rund um die Wasserkuppe generell gut aussieht oder nicht. Außerdem erweitern wir die Thermikprognosen auf bis zu vier Tage im Voraus. Danach stehen wieder native Apps für iOS, Android und die Apple Watch im Fokus. Langfristig soll auch eine direkte Vario-Anbindung integriert werden.
Paul:
Wo siehst du Sichtflug in einigen Jahren?
Alex:
Meine Vision ist relativ klar: Sichtflug soll das Strava für Gleitschirmflieger werden. Von der Flugvorbereitung über Flight Tracking bis hin zum Flugbuch und sozialen Funktionen soll alles auf einer Plattform zusammenlaufen. Dazu gehören später auch Fluganalysen und Replay-Funktionen, mit denen man Flüge noch einmal wie einen Film erleben kann.
Paul:
Viele Leser werden sich jetzt fragen: Bleibt das wirklich kostenlos?
Alex:
Ja. Genau deshalb habe ich Sichtflug überhaupt gestartet. Ich möchte, dass jeder Pilot eine fundierte Flugentscheidung treffen kann, ohne zusätzliche Kosten zu haben. Außerdem möchte ich dauerhaft frei von Werbe- und Cookie-Tracking bleiben. Was ich mir vorstellen kann, sind Sponsorings oder Logo-Platzierungen von Herstellern und Unternehmen aus der Branche, um die Weiterentwicklung zu finanzieren.
Paul:
Reichen Spenden dafür langfristig aus?
Alex:
Ich freue mich jedes Mal wie ein kleines Kind über jede einzelne Spende. Es ist einfach ein tolles Gefühl zu sehen, dass das, was man entwickelt hat, bei anderen Menschen Anklang findet. Langfristig wird es vermutlich zusätzliche Plus-Funktionen geben. Wichtig ist dabei: Die Kernfunktionen bleiben frei zugänglich. Kostenpflichtig wären dann eher Komfortfunktionen mit hohem technischem Aufwand.
Ein Beispiel wäre ein automatisch erzeugtes, Instagram-fertiges Video eines Streckenfluges. Solche Renderprozesse verursachen erhebliche Serverkosten. Dafür halte ich ein faires Bezahlmodell für sinnvoll.
Paul:
Auf welche Regionen konzentriert ihr euch aktuell?
Alex:
Derzeit liegt der Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum sowie den Alpenregionen in Italien, Frankreich und Slowenien. Perspektivisch wollen wir Mittel- und Westeuropa sowie die Kanaren ergänzen. Technisch ist die Plattform bereits mehrsprachig ausgelegt. Welche Regionen als Nächstes folgen, hängt vor allem von der Nachfrage ab.
Paul:
Wie können Piloten die Entwicklung unterstützen?
Alex:
Auf drei Wegen.
Erstens durch Feedback. Sichtflug wird von Piloten für Piloten entwickelt. Viele Funktionen wären ohne Rückmeldungen per E-Mail oder Kontaktformular nie entstanden.
Zweitens durch die Vereine. Fluggebiete können aktiv gepflegt und mit lokalen Informationen ergänzt werden. Wir stellen dafür bereits vorbereitete Profile zur Verfügung.
Und drittens ganz einfach durch Weiterempfehlungen.
Je mehr Piloten Sichtflug nutzen, desto mehr Entwicklung wird möglich. Und mehr Entwicklung bedeutet letztlich mehr Sicherheit, bessere Prognosen und mehr Spaß für alle.
Paul:
Vielen Dank für das Gespräch!
Alex:
Sehr gerne – und natürlich immer guten Flug!
Dipl. Ing. Luft- und Raumfahrtechnik, Fluglehrer, Tandemfluglehrer, Eingangsprüfer für Fluglehrer und Tandempiloten, Mitglied im DHV Ausbildungs-Lehrteam und in der DHV- und ÖAeC-Prüfungskommission
▸Bio
Ich stecke heute noch tief in der Vielfalt der Modellfliegerei mit all ihren unbegrenzten Möglichkeiten. Genauso bin ich fasziniert, wie wir Flugzeugbau-Ingenieure und Entwickler es geschafft haben, einem Stück sinnvoll genähtem Stoff mit ein paar Schnüren daran ein sichereres Fliegen beizubringen. Für mich besonders faszinierend: Ein Gleitschirm fliegt auch ohne Beeinflussung des darunter hängenden Piloten richtig gut – und zeigt damit, wie dieses besondere Fluggerät eines der wenigen Luftfahrtgeräte überhaupt ist, welches eigenstabil fliegen kann. Eine echte Meisterleistung des Prinzips „Mach es so einfach wie möglich“.
Es gibt mir auch die Gewissheit im gesetzteren und höheren Alter bei passenden Bedingungen sicher in die Luft und durch die Luft zu kommen. Dies möchte ich gerne noch lange als Fluglehrer vermitteln und dabei meine Begeisterung für das Fliegen weitergeben.
– Paul Seren



