Lüsen auf Strecke – über Prognosen, Realitäten, Überraschungen und den besonderen Charme eines besonderen Fluggebietes

Diese Woche habe ich wieder das viel zu seltene Vergnügen, in Lüsen schulen zu dürfen. Diesmal darf ich die Teilnehmer von Thermik-Technik-Pro-Training DTP15.26 und des Thermik- und Streckenflugkurses zur B-Lizenz DS15.26 betreuen.

Angekommen hier oben am Tulperhof auf 1.650 m, mit dem direkt vor der Terrasse gelegenen großen Startplatz, muss ich jedes Mal erst innehalten und den Ausblick auf mich wirken lassen. Nach einer Woche ohne Sonne und viel Staubewölkung auf der Alpennordseite genieße ich den freien und klaren Blick auf den markanten Peitler, die erhaben schneebedeckte Plose und den weiten Blick in die Sarntaler Alpen. Ein Glas Aperol Spritz dazu – und die Welt mit ihren aktuellen Konflikten bleibt weit unter mir.

Angekommen –

– dieses Loslassen passiert mir mittlerweile jedes Mal seit fast 25 Jahren: als Umschüler vom Hängegleiter zum Gleitschirm, über die eigene fliegerische Weiterentwicklung, als ungeduldiger Teilnehmer auch mal mit der Frage „Warum fliegen wir jetzt nicht?“ – und seit vielen Jahren als Fluglehrer, mit der Antwort „Darum fliegen wir jetzt gerade mal nicht“ und den dazugehörigen Erläuterungen.

Die Prognosen für diese Woche sind prinzipiell erst einmal gut – und das reale Wetter orientiert sich nun seit fünf Tagen sehr genau an dieser Prognose. „Darum fliegen wir nicht“ fällt diesmal aus: Gleich am Montag gelingt das Einfliegen der Teilnehmenden in diesem Gebiet. Einige sind zum ersten Mal dabei, andere haben vielleicht eine längere Pause gehabt und wollen sich wieder in einem gewohnten Gebiet sicher einfinden, wieder Sicherheit gewinnen, endlich den Streckenflug für den B-Schein machen oder einfach mal die B-Theorie abhaken.

Dieser erste Tag wird ein Erfolg

…für dieses „Eingrooven“ (laut Duden: jemanden einstimmen, auf etwas gefühlsmäßig vorbereiten). Gefühlsmäßig geht es bei mir dann auch los, als einer meiner Söhne, auf der Durchreise von Greifenburg, seinen Hochleistungs-Drachen („Atos“) um die Mittagszeit aufbaut und ein Stück der Heimreise mit diesem besonderen Fluggerät antritt.

Es ist für mich ein Déjà-vu an die Zeiten, als ich selbst noch aktiv Hängegleiter – auch hier in Lüsen – geflogen bin; ein Stolz auf meinen Sohn, der wie seine Brüder den Virus des Fliegens in sich trägt, und die Erinnerung an die Jahre, in denen alle Familienmitglieder hier die Gleitschirm-Höhenflugschulung absolviert haben. Ein emotionaler und bewegender Moment für mich, an einem Ort, der eine ganz besondere Bedeutung für uns alle hat.

Am Nachmittag geht es dann los mit der B-Schein-Schulung und zur Streckenflugeinweisung. Das Wetter verspricht für den Dienstag gute Streckenflugbedingungen – trotz einer möglichen Nordföhn-Tendenz am Alpenhauptkamm. Auch diesmal hält sich das Wetter an die Prognosen. Und das sogar wie im Bilderbuch: Nach der ersten und zweiten Runde mit ein paar  Thermikkreisübungen und Manövern ist spätestens in der dritten Runde ein Kursteilnehmer nach dem anderen im Hausbart und kreist stetig nach oben.

Ich habe versprochen,

dass ich hinterher starte und dass wir dann gemeinsam die vorher besprochene Streckenflugaufgabe fliegen. Jetzt darf ich mir keine Blöße geben – und schaffe, genau wie die Kursteilnehmer, den Einstieg in den Hausbart und damit die Abflughöhe für den ersten Aufwindwechsel Richtung Brixen. Martin, einer der Teilnehmer, ist schon vor mir an der Antenne angekommen und dreht dort auf.

Meine Prognose im Theorieunterricht – „Da vorne wird es wieder hochgehen“ – hat funktioniert! Uff. Es ist immer noch so wie in den Jahren davor: Der Thermikbart an der Kapelle am rechten Rand der Wiese steht genau dort, wo er hingehört, und bringt uns wieder auf Abflughöhe Richtung Hausbart Tulperhof.

Martin folgt mir, sogar mit deutlich größerer Abflughöhe. Auf dem Weg sammeln wir noch weitere Teilnehmer auf, drehen am Tulper hoch. Der Blick auf die Lüsener Alm, die teilweise noch schneebedeckt ist, nimmt mir mal wieder den Atem.

Etwas Atem nimmt mir auch der Blick auf den Alpenhauptkamm: Lenticularis-Bewölkung genau über diesen höchsten Erhebungen. Hmm. Abstimmung mit meiner Fluglehrerkollegin Isa am Landeplatz, Windwerte in den Tälern checken! Ich kann durchatmen: Sterzing, Sand in Taufers, Brixen – alles noch im Lot, es ist noch keine markante Winderhöhung vorhanden. Wir behalten das im Blick und stimmen uns immer wieder ab.

Also weiter aufdrehen!

Als dann das Pustertal hinter der Alm auftaucht und immer tiefere Einblicke bis ins Tal ermöglicht, mache ich mich auf den Weg zum Astjoch. Ja klar – genau wie früher ist es erst einmal ein deutlicher Sinkflug, das Gipfelkreuz auf dem Astjoch steigt zu mir hoch, und erst kurz vor der markanten Erhebung geht es wie gewohnt wieder hoch. Auch hier ist die Thermikquelle verlässlich an der ursprünglichen Stelle und verschafft mir und den „Verfolgern“ die nächste ausreichende Abflughöhe.

Bei der Querung Richtung Plose bleibt mein Blick am Peitler kleben. So ein schöner und beeindruckender Felsbrocken – sozusagen die Eingangstür zu den dahinterliegenden Dolomiten. Es ist unfassbar, welches Geschenk an Aussichten wir durch das Gleitschirmfliegen erhalten. Aber ich muss den Blick abwenden und doch einmal in das Lüsener Tal schauen: Der vorhergesagte Nordwestwind samt lokalem Talwindsystem wird mir auf dem Weg zum Landeplatz entgegenstehen.

Auch darauf ist Verlass: Er steht mir entgegen, sogar deutlicher als erwartet. Okay, die Höhe reicht, ich habe genug Reserve eingebaut, aber zeitweise verringert sich die Gleitzahl über Grund deutlich. Gut, dass der angepeilte Landeplatz immer noch unter meinem Gleitpfad liegt.

Noch eine Landevolte,

und nach knapp einer Stunde bin ich am Boden bei meiner Fluglehrerkollegin Isa. Erst jetzt sehe ich, dass mir doch einige bis zum Schluss gefolgt sind. Ich bin begeistert! Bei der Auffahrt vom Landeplatz im Shuttle ein erster Check der geflogenen Strecke: Meine Freude ist groß! Mal wieder die 15 km geschafft – das könnte dann auch für die anderen gereicht haben.

Bei der Auswertung der IGC-Dateien (dem aufgezeichneten GPS-Weg) am Nachmittag in der nächsten Theorieeinheit die große Freude: Meine erfasste Strecke beträgt genau 15,1 km! So genau habe ich es bisher noch nie getroffen. Mir kommt spontan der Gedanke, ähnlich wie beim Punktlandewettbewerb (PWC), eine neue Wettbewerbsklasse einzuführen, bei der die exakte Strecke getroffen werden muss und jede (positive) Abweichung Abzüge bringt 😊

Martin als mein „Verfolger“ hat die Strecke ebenfalls geschafft, und am Abend stellt sich heraus, dass auch Björn erfolgreich war. Aber es gibt auch andere Erfolge: lange Flugzeiten, neue thermische Erkenntnisse – und auf jeden Fall viele Gründe, den Abend mit einem Grinsen zu genießen.

Für Mittwoch fassen wir den Plan,

einen anderen Südtiroler Berg, den Kronplatz zu befliegen. Die Wetterprognosen könnten es uns ermöglichen, aber es gibt eine Unsicherheit aufgrund der zunehmenden Druckdifferenz. Am Mittwochmorgen fällt die Entscheidung – wir bleiben in Lüsen.

Die Entscheidung stellt sich als richtig heraus! Der Kronplatz ist den ganzen Tag von der stärker zugenommenen Nordwestströmung gestört.

Und Lüsen? Das Wunder von Lüsen tritt – wie in der Vergangenheit – wieder ein: Der über 400 m über den Startplatz ansteigende breite Rücken der Lüsener Alm schirmt uns diesen Nordwestwind ab. Die Sonne heizt die südlichen Hänge vor dem Startplatz auf, und der Hausbart springt heute sogar extra früh, kurz vor 10, an. Alle – wirklich alle – finden den Einstieg in den Hausbart.

Im Prinzip, nach all den Jahren hier, keine Überraschung. Aber es fühlt sich einfach so an!

Die ersten lösen sich kurz vor 11:00 Uhr vom Hausbart und versuchen die Strecke vom Vortag zu fliegen. Ich merke, wie hier das Vertrauen in die Machbarkeit – und damit die Lust, es zu versuchen – gestiegen ist. Auch diesmal klappt es, und meine Begeisterung wächst allein schon beim Begleiten über Funk und beim Zuschauen!

Als einer der letzten landet Martin. Er fliegt diesmal nicht nur die Strecke von gestern, sondern erweitert sie noch einmal um weitere 5 km. Björn macht es ähnlich, und Hannes setzt nun auch den Haken an diese B-Schein-Anforderung. Einfach toll.

Ich bin mal wieder überrascht, dass einerseits die „wetterbegünstigte Alpensüdseite“ funktioniert und andererseits das „besonders wetterbegünstigte Lüsen auf der Alpensüdseite“ dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen aufsetzt.

In den vergangenen Jahren habe ich gelegentlich Piloten-Tipps aufgeschrieben. Mein eindeutiger Piloten-Tipp diesmal ist: Ab nach Lüsen!

Hier noch ein paar geflogene Strecken von Dienstag und Mittwoch zur Orientierung und Vorbereitung. Sie dürfen gerne nachgeflogen werden!

Paul Seren
Paul Seren
Dipl. Ing. Luft- und Raumfahrtechnik, Fluglehrer, Tandemfluglehrer, Eingangsprüfer für Fluglehrer und Tandempiloten, Mitglied im DHV Ausbildungs-Lehrteam und in der DHV- und ÖAeC-Prüfungskommission
Schon in meiner Kindheit hatte mich der Traum vom Fliegen gepackt und über all die vergangenen Jahrzehnte nicht losgelassen. Es hat meine Kindheit, meine Berufswahl, meine Lebensentscheidungen geprägt und mich zu dem gemacht, was ich heute bin: Bis in die tiefsten Wurzeln begeistert von allem, was fliegt: Ich bin Modellflieger seit 1974, Hängegleiterpilot seit 1979, Gleitschirmpilot seit 2003, Motorschirmpilot seit 2009 und Gleitschirm-Tandempilot seit 2012. Als Dipl. Ing. der Luft- und Raumfahrtechnik war ich beruflich als Systemanalytiker und Softwareentwickler, sowie Wissensmanager und Ausbildungkoordinator in einem Industriekonzern tätig.

Ich stecke heute noch tief in der Vielfalt der Modellfliegerei mit all ihren unbegrenzten Möglichkeiten. Genauso bin ich fasziniert, wie wir Flugzeugbau-Ingenieure und Entwickler es geschafft haben, einem Stück sinnvoll genähtem Stoff mit ein paar Schnüren daran ein sichereres Fliegen beizubringen. Für mich besonders faszinierend: Ein Gleitschirm fliegt auch ohne Beeinflussung des darunter hängenden Piloten richtig gut – und zeigt damit, wie dieses besondere Fluggerät eines der wenigen Luftfahrtgeräte überhaupt ist, welches eigenstabil fliegen kann. Eine echte Meisterleistung des Prinzips „Mach es so einfach wie möglich“.

Es gibt mir auch die Gewissheit im gesetzteren und höheren Alter bei passenden Bedingungen sicher in die Luft und durch die Luft zu kommen. Dies möchte ich gerne noch lange als Fluglehrer vermitteln und dabei meine Begeisterung für das Fliegen weitergeben.
Paul Seren

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